Fack Ju Göhte – Das Musical

Wie steht es eigentlich um die Musiktheaterkultur in Deutschland? Das muss man sich zumindest fragen, wenn man feststellt, dass Münchens Musicalneuheit „Fack Ju Göhte“ nach knapp 9 Monaten schon wieder eingestellt wird. Am Sonntag ist Schluss. Das erscheint noch unfassbarer, wenn man bedenkt, dass es posthum noch bis zu sieben deutsche Musicalpreise bekommen könnte.

An der Erzählung an sich kann es schon einmal nicht liegen, denn die ist identisch mit dem ersten Kinofilm: Der Kleinkriminelle Zeki Müller wird aus dem Gefängnis entlassen. Mit der frischen Luft der Freiheit in der Nase, hofft er in ein neues Leben zu starten – nur um festzustellen, dass seine Beute, die ihm dieses neue Leben ermöglichen soll, unter einer Schulturnhalle vergraben liegt. Beim Versuch die gerade frei gewordene Stelle des Hausmeisters zu bekommen, wird er ausversehen als Deutschlehrer eingestellt. Nach anfänglichem Chaos, findet er dann doch Gefallen am Lehrersein und ist auch der Einzige, der das Vorzeigeprojekt der Schule, die Theater-AG, noch retten kann.

Lisi, beruhig Dich, sei einfach du selbst. Ein Typ auf dem Sofa ist das Normalste der Welt.
— Frau Schnabelstedt

Das Stück wurde im Werk 7 in München aufgeführt, die Vergangenheitsform ist wohl angebracht. Man betrat den ehemaligen Teil der Pfanni-Werke und fand sich in einer Schulturnhalle wieder. So stark ist man selten in ein Stück eingebunden. Der Weg zu den Sitzplatzen aus Plastik führte über die Bühne. Später tauchen immer wieder Darsteller unter den Zuschauern auf und schon zu Beginn ist man immer wieder voll integriert (und damit pfeifen wir ab sofort auf die Vergangenheitsform). Zuerst kommen einzelne Darsteller auf die Bühne und stellen dort Sportgeräte ab. Nein, eigentlich hört man die Darsteller zuerst, wie sie sich für die Show anheizen. Dazu tönten immer wieder Ansagen der Rektorin aus dem Lautsprecher, zum Beispiel, dass Video- und Audioaufnahmen verboten sind. Langsam sammeln sich alle Darsteller auf der Bühne – einer bittet sogar eine Zuschauerin ihm eine Bank auf die Bühne zu tragen -, sie unterhalten sich miteinander und dem Publikum, bis es auf einmal einen Schlag tut, alle Lichter ausgehen, und man mit dem Holzhammer ins Stück katapultiert wird. In eine Gefängniszelle mit Zeki, die einfach mit einem Spotlight und einem fünfteiligen Sprungkasten dargestellt wird. Im ganzen Stück wird nur mit den bekannten Sportgeräten wie Kisten, Matten, Mattenwägen, Seilen und Sprossenwand gearbeitet und das funktioniert fantastisch.

Gleichzeitig merkt man den Darstellern neben der Spielfreude auch die Detailverliebtheit an, die sie sich nicht nehmen lassen. Beispielsweise zeigen Mobiltelefone immer die Funktion, die gerade im Stück auch gebraucht wird. Wird ein Selfie geschossen, ist man im Kamera-Modus und bei einer Skypekonferenz sieht man das Gesicht der Gegenstelle im Display. Das Ensemble spielt fantastisch zusammen, ist durchweg toll besetzt. Wenn man überhaupt etwas kritisieren will, dass nicht alle Akteure ihr volles Können zeigen dürfen. Regisseur Christoph Drewitz und die Darsteller haben dennoch wirklich Großes geleistet, eine absolut stimmige Komposition zu finden.

Apropos Komoposition: Musik. Da hat man bei Stage wirklich nicht gekleckert und sich neben dem Eigengewächs Kevin Schroeder, der schon vielfach Musicals für den deutschen Markt adaptiert oder erneuert hat, mit Simon Triebel und Nicolas Rebscher (der z.B. No Roots geschrieben hat) noch zwei Songschreiber oberster Güte geholt. Das merkt man den Songs auch an. Direkt das Erste, namens Frische Luft, klingt wie ein Stück, das auch Wincent Weiss veröffentlicht haben könnte. Alle Stücke haben Hitpotential, bleiben Tagelang im Ohr (wie das oben erwähnte Zitat von Frau Schnabelstedt, das ich jetzt schon drei Tage vor mich hinpfeife); alles wird live von einer kleinen Band eingespielt, die etwas versteckt oberhalb der Bühne sitzt und schon beim dritten Song Teil der Vorstellung wird.

Wir waren uns einig, dass wir da gerade das beste Musical jemals erleben durften. Jetzt und in Zukunft. Bleibt die Frage, warum das Stück dennoch gescheitert ist. Es wird gemutmaßt, dass das Marketing versagt hat. Anfänglich wurde die Show noch mit „Se Mjusicäl“ beworben. Das wurde geändert. Zu teuer? Es gab zwei-zum-Preis-von-einem-Ticket Angebote, aber man muss zugeben, dass die Preise sich 10 bis 20 Euro zu teuer anfühlen ohne Ermäßigungen. Außerdem ist die Location nicht ganz einfach zu finden, mal abgesehen davon, dass München nicht als Musicalpilgerstätte bekannt ist. Anfänglich wussten wohl auch Taxifahrer mit dem Begriff Werk 7 oder Werksviertel Mitte nichts anzufangen. Trotzdem wurden eigentlich nur die Toilettenhäuschen außerhalb des Veranstaltungsorts bemängelt, obwohl man da ganz wie in einer US-Schule einen „hall pass“ bekommen hat, um wieder rein zu dürfen. Aber all das erklärt nicht, warum ein paar Tage vor Ende der Aufführungen – ein neues Musical an gleicher Stelle ist bereits für 2019 angekündigt, denn Stage hat noch fast 10 Jahre einen Vertrag für die Halle abgeschlossen, es gibt also kein Zurück, auch wenn alle sieben Nominierungen beim Musicalpreis erfolgreich sind -, warum also sind heute noch Sitzplätze zu haben?

Solltet ihr also Musicals oder Musicalfilme mögen und diesen Beitrag noch rechtzeitig lesen: Geht hin! Wer weiß, ob man noch einmal die Chance bekommt, das beste deutsche Musical allerzeiten zu sehen. Natürlich nur, wenn nächstes Jahr nicht ein noch besseres anläuft, oder keiner mehr weiß, wie man Göhte schreibt.


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