Condé Nast Deutschland hat es geschafft die Wirtschaftskrise zu überstehen. Einer der Titel, der dabei zuvor unter die Räder kam, ist die deutsche Ausgabe der "Vanity Fair". Jetzt wo die Zahlen aber wieder stimmen, wird über die Neuauflage eines monatlichen Printmagazins unter diesem Namen nachgedacht - die Vanity Fair Website wurde schließlich trotz fehlender Papierausgabe weitergeführt. Auch denkt der Verlag - und das ist ein bisschen untergegangen - offen über eine deutsche Ausgabe des US-Geek-Magazins "Wired" nach.Es stellt sich die Frage, ob deutsche Geeks überhaupt als Zielgruppe in Frage kommen und wie zahlreich die - wir - überhaupt sind und wie gewillt, ein Magazin zu kaufen, dass den Titel "Wired" trägt, aber deutsche Beiträge beinhaltet. Die Kopie des US-Konzepts oder das Übernehmen von US-Artikeln steht eigentlich außer Frage. Deutsche Geeks sind zum großen Teil des Englischen mächtig und würden ein derartiges Vorgehen als genau so falsch ansehen, wie die Synchronisierung von Serien und Filmen. Gleichzeitig kann der deutsche Geek nicht mit amerikanischen Stereotypen, die in Wired bedient werden, verglichen werden.
Wenn man die amerikanische Ausgabe festlegen will, findet man darin Film, Fernsehen, Mathe, Physik, Astronomie, Sozialismus, Psychologie, Popkultur, Science-Fiction (auch wenn man damit vermutlich immer noch falsch liegt). In Deutschland gibt es dagegen fünf wichtige Punkte der Geek-Kultur: Science Fiction, Fantasy (inklusive Rollenspiele), Japan (Manga, Anime, J-Culture), Kunst (Artwork, Fotografie) und lustige Videos. Der wissenschaftliche Part ist, meiner Meinung nach, bei weitem nicht so ausgeprägt. Ich blicke da schon ein bisschen in Richtung Nerdcore . Gleichermaßen gehören aber auch das Thema Computer- und Konsolenspiele, Web, Politik, Programmieren, Kochen, Reisen, Berlin, Zombies und so weiter und so fort dazu. Das unterteilt sich in Deutschland aber eher in einzelne Gruppen. Perry Rhodan Leser haben weniger für knallbunte Manga und Anime übrig. Geeks mit hohem Grafik, Kunst, Kultur, Fotografie-Interessen sind in den Thematiken Science-Fiction und Fantasy dann doch weniger zuhause. Einer meiner Programmierer-Kollegen hatte noch nicht einmal "Hitchhikers Guide" gelesen - Duh!
Der Inhalt einer deutschen Wired müsste für den deutschen Markt geschrieben werden, aber trotzdem ähnlich große Geschichten erzählen. Man möchte sich aus dem deutschen Magazin-Markt bedienen (SpaceView, CT, Neon, Dummy) und sich ein Wired zusammen bauen. Aber das ist der falsche Weg. Neue Ideen, neue Inhalte und ungewöhnliche Themen-Kombinationen zeichnen das US-Magazin aus. Berichte über die neueste Filmkamera vom Oakley-Gründer, die einfach nur "The Red" heißt, ein Bericht über den Erfolg von deutschen Brettspielen, im letzten Monat eine komplette Ausgabe zum Thema Geheimnisse, Puzzle und Magie (Chefredakteur der Ausgabe J.J. Abrams) und in diesem Monat - ganz umgekehrt - das große Thema New Economy.
Die einzige Frage, die ich beantworten kann ist die, ob ich das Magazin kaufen würde. Und diese Frage beantwortet jeder gleich: Klar schau ich mal die Erstausgabe rein. Das habe ich mit der Vanity Fair genau so gemacht, weitergelesen habe ich aber nicht. 11 Euro für die Import-Wired vom internationalen Buchladen im Hauptbahnhof München lohnen sich fast jeden Monat. Zweifuffzich oder so für eine deutsche Ausgabe sind doch eigentlich noch drin. Allerdings bekommt man dafür im Freibad ne Portion Pommes und 10 Cola-Kracher.
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